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Schriftenreihe zur Geschichte des Landkreises Germersheim Band 6

2020
Rezensent(in): Schäfer Franz Josef

Erscheinungsjahr: 2020
Autor(en): Gross Claudia, u.a.
Erscheinungsort: Germersheim

Unter der Schriftleitung von Ludwig Hans, der im Bereich des Stadtarchivs Germersheim tätig ist, gab der Landkreis Germersheim 2020 den 6. Band Neuer Folge der „Schriftenreihe zur Geschichte des Landkreises Germersheim“ heraus. Die Reihe wurde 2010 begründet. Vorausgegangen war 1980 die Reihe „Beiträge zur Heimatgeschichte. Schriftenreihe des Landkreises Germersheim“, in der nur ein Band erschien. Der Inhalt der Bände 1 (2010) bis 5 (2018) ist auf den Seiten 374–376 des neuen Bandes dargelegt:
15 Beiträge stammten von Albert Schwarz und 13 von Ludwig Hans. Isa-Marie Betz und Wolfgang Diehl sind mit drei, Claudia Gross und Karl-Heinz Rothenberger mit zwei Aufsätzen vertreten. Gerhard Balzer, Katharina Hans, David Hissnauer, Hans-Jürgen Kremer, Andreas Imhoff, Roland Paul und Josef Schwing hatten jeweils einen Beitrag beigesteuert.
In Band 6 der Schriftenreihe sind vom bisherigen Mitarbeiterstamm Ludwig Hans und Hans-Jürgen Kremer mit zwei Beiträgen und Claudia Gross mit einem Beitrag vertreten. Hans Ludwig veröffentlichte darüber hinaus im Namen der Schriftleitung und des Autorenteams einen Nachruf auf Albert Schwarz, der im 84. Lebensjahr in Landau gestorben war, „dessen umfangreiches Wissen und fundierte wissenschaftliche Arbeitsweise ihn während seiner Berufsjahre eher dazu befähigt hätten, an einer Hochschule zu lehren, als an einer Hauptschule zu unterrichten“ (S. 3).

An dem zu besprechenden Band haben insgesamt sieben Autorinnen und Autoren mitgewirkt, darunter erstmals Ute Keppel, Rudolf Kern, Albert Ritter und Helmut Sittinger.
Die Kunsthistorikerin Dr. Claudia Gross, die über lange Jahre als Assistant Professor für die europäische Dependance der University of Maryland Zeichnen und Kunstgeschichte unterrichtete und seit Ende 2017 als freie Mitarbeiterin durch die ständige Sammlung und Sonderausstellungen des Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern führt, hat die neue Reihe: Historische Rat- und Gemeindehäuser im Landkreis Germersheim mit der Betrachtung der Rathäuser von Ottersheim – das älteste bekannte Rathaus im Landkreis aus dem Jahr 1555 – und Kandel begonnen, S. 5–22. Eine Abbildung des Rathauses ist auf dem Cover zu sehen.
Prof. Dr. Rudolf Kern lehrte von 1968 bis 1998 als Germanist an der Katholischen Universität Löwen. Nach seiner Emeritierung im Jahre 1998 würdigte er 2014 Leben, Denken und Wirken des Karl-Marx-Gefährten Victor Tedesco und legte 2020 eine Monografie zur Sprache von Rülzheim vor. Im Jahresband veröffentlichte er ein Lebensbild seines Vaters, des Rülzheimer Zigarrenfabrikanten Ferdinand Kern (1900–1969), S. 113–138. Der Autor hat neben dem Werdegang des Protagonisten den jeweiligen zeithistorischen Kontext ausführlich dargelegt. Den Nachlass Ferdinand Kerns wird er demnächst dem Landesarchiv Speyer übergeben.
Ludwig Hans setzt seine Reihe über Landkommissäre, Bezirksamtmänner und Landräte fort mit Kurzbiografien von Jakob Rösch und Friedrich Jüllig, den Landräten der Nachkriegszeit, S. 139–143. Teil 3 seiner Reihe „Heimatmuseen im Landkreis Germersheim“ bezieht sich auf das Stadt- und Festungsmuseum Germersheim, das bereits 1936 gegründet wurde als „Heimatmuseum“ und somit die älteste Einrichtung dieser Art im Kreis ist, S. 145–170.
Hans-Jürgen Kremer hat die Monatsberichte der französischen Militärregierung ausgewertet, S. 171–349. Im umfangreichen Anhang sind in Auszügen die Monats- und Quartalsberichte der französischen Militärregierung im Landkreis Germersheim 1945– 1949 abgedruckt sowie Vorschlagslisten und Wahlergebnisse von Wahlen im Landkreis Germersheim von 1946–1949. Albert Ritter, Mitautor der zweibändigen Wörther Ortschronik und Autor der Ortschronik Büchelberg, stellt in seinem Aufsatz die Entwicklung Wörths vom Arbeiter-Bauern-Dorf zum Industriestandort dar, S. 351–369. Landrat Dr. Fritz Brechtel sieht in den Beiträgen von Rudolf Kern und Albert Ritter „wichtige Vorstudien zu einer noch zu schreibenden Darstellung der industriellen Entwicklung des Landkreises Germersheim“ (Vorwort, S. 1f.).

Drei Beiträge stehen in engem Zusammenhang. Sie sind dem Schicksal südpfälzischer Kriegsteilnehmer aus den Gemeinden Hagenbach, Kandel und Leimersheim während der Zeit des Ersten Weltkrieges gewidmet. Ute Keppel, die auch Beiträge für die „Pfälzisch-Rheinische Familienkunde“ (Ludwigshafen) schreibt und die „Lehrerdatenbank“ aufgebaut hat und betreut, geht auf die Kriegsteilnehmer aus Kandel ein, S. 27–43. Dr. Helmut Sittinger, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie und Leitender Oberarzt an den SHG-Kliniken Sonnenberg in Saarbrücken, der sich schwerpunktmäßig mit der Familien- und Ortsgeschichte von Leimersheim, insbesondere mit den Themen Auswanderung, jüdische Bevölkerung und Erster Weltkrieg, befasst, gab seinem Beitrag die Überschrift „Leimersheim im Ersten Weltkrieg – Ein Krieg, ein Dorf, viel Leid“, S. 44–67. Hans-Jürgen Kremer, der Neuere Geschichte, Germanistik, Philosophie studiert hatte und im Bereich Marketing/Public Relations tätig ist und mit zahlreichen Buch- und Presseveröffentlichungen zur politischen Geschichte des deutschen Südwestens seit dem 18. Jahrhunderts in Erscheinung trat, geht in seinem Beitrag auf Hagenbachs Soldatengeneration 1914/18 ein: „In jeder Beziehung hervorragend tapfer“?, S. 68–112.

Den drei Beiträgen zu Hagenbach, Kandel und Leimersheim im Ersten Weltkrieg vorangestellt ist Kremers Text über die Kriegsteilnehmer der drei Gemeinden im kollektiv-biografischen Vergleich, S. 23–26. Darin heißt es: „Die millionenfache Absorption von Männern durch das Militär und den Kriegsalltag, der im traumatisierenden Gewalt- und Fronterleben gipfelte, erschütterte oder beseitigte zivile Normen, Werte und Ordnungsvorstellungen, ohne dass die Kriegsgeneration zwangsläufig verrohte bzw. brutalisierte. Unverzichtbar zum Verständnis der vielschichtigen Vorgänge ist die umfassende, sorgfältige Analyse der Voraussetzungen und Bedingungen: vorab des soziodemografischen Profils, des militärischen Werdegangs, des Dienstverhaltens und der mentalen Befindlichkeit der Kriegsteilnehmer. Eine bloß überregional-generalisierende Beschreibung jener Personengruppe kann hier aber keine hinreichend präzise Antwort geben, im Gegensatz zum prosopografischen, darüber hinaus kommunal begrenzten methodischen Ansatz. Er beruht auf der systematischen Auswertung der Personaldossiers, die den Soldaten einer Gemeinde zuzuordnen sind, und weiteren einschlägigen Quellen. Solche empirisch ,von unten' erhobenen, nach Sachkriterien quantifizierbaren Befunde ermöglichen verlässliche Vergleiche der Kriegsteilnehmer verschiedener Orte und Regionen“ (S. 23f.).

Der Arbeitskreis Geschichte der Volkshochschule Kandel und der Förderkreis für Heimat- und Brauchtumspflege zeigten 2014 Ausstellungen unter Einbeziehung der „Heimatfront“. Leimersheim erstellte ein möglichst lückenloses „Krieger“-Panorama. Zu allen nachweislich Eingezogenen im und aus dem Dorf informierten „Steckbriefe“ detailliert über die Zivilbiografien und Militärkarrieren.
Die Ausstellungsmacher wollten den Besuchern Einblicke in die Gedanken und Gefühle der Soldaten und das entbehrungsreiche Leben daheim verschaffen. Sie werteten Feldpostbriefe, Tagebuchaufzeichnungen, Wehrpässe, Auszüge aus Kriegsstammrollen, Zeitungsausschnitte und andere authentische Vorlagen aus. Eine Kriegsküche, aus der Kostproben entnommen werden konnten, und zeitgenössische Gebetbücher veranschaulichten das immer mühsamer gewordene Leben.

Das methodische Vorgehen und die Fragen der drei Beiträge sind aufeinander abgestimmt.
„Die Zivilbiografie umfasst im Wesentlichen die Stamm- und Kinderzahl. Die Militärbiografie systematisiert und interpretiert hingegen die wichtigen armee- bzw. kriegsspezifischen Aspekte: Vorkriegswehrpflicht, Waffengattung/Truppenteile Kriegseinsatz (Dauer, Frontbereich), Dienstgrad/Rang/militärische Qualifikation, Gefallene, Gefangenschaft, Krankheiten/Verwundungen, Urlaub, Führung, Strafen, Auszeichnungen“ (S. 24).
Die Vorgehensweise der drei südpfälzischen Gemeinden ist beispielhaft für andere Gemeinden.

Helmut Sittinger fragt in seinem Beitrag, ob das Kriegsleid in Leimersheim rasch vergessen wurde. Ein Teil der Veteranen huldigte einer revanchistischen Gesinnung. Mehr als die Hälfte der NSDAP-Mitglieder waren im Ersten Weltkrieg an der Front. Andere konnten die schrecklichen Kriegserlebnisse nie vergessen und verhielten sich ein Leben lang auffällig und entwickelten zum Teil schwere psychische Störungen und wurden in psychiatrische Anstalten eingeliefert.

Franz Josef Schäfer, Rez. von Landkreis Germersheim (Hg.), Schriftenreihe zur Geschichte des Landkreises Germersheim Band 6, Germersheim 2020, URL: https://www.hist-verein-pfalz.de/de/rezensionen/7/wid,826/rezensionen.html
Zuerst erschienen in: Pfälzer Heimat 73,1 (2022).

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