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Für jeden sichtbar und doch vergessen

Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Zweibrücken 1940–1945
Rezensent(in): Schäfer Franz Josef

Erscheinungsjahr: 2021
Autor(en): Arbeitskreis »Zwangsarbeit« der VHS Zweibrücken
Erscheinungsort: St. Ingbert

Nach Band 1 über „Stationen jüdischen Lebens“ aus dem Jahre 2000 legte ein 2015 gegründeter VHS-Kurs einen zweiten Band vor. Beteiligt waren Pfarrer i. R. Eckart Emrich; das Lehrerehepaar Maria und Walter Rimbrecht; Ingrid Satory, Sprecherin des Bündnisses Buntes Zweibrücken; Dr. Gertrud Schanne-Raab, Soziologin; ihr Ehemann, der Theologen Dr. Rainer Schanne sowie das Ehepaar Barbara Sittinger, Diplomübersetzerin, und Dr. Helmut Sittinger, Psychologe und Mediziner. Die Gruppe wertete v. a. Akten folgender Archive aus: Stadtarchiv Zweibrücken, Landesarchiv Speyer, Arolsen Archives. International Center on Nazi Persecution. Außerdem führte das Team Interviews durch.

Die Publikation enthält 15 Kapitel. Auf Definitionen von Fremdarbeitern, Zwangsarbeitern und Angaben zum Wirtschaftsstandort Zweibrücken folgt das von Maria Rimbrecht ausgearbeitete Kapitel zu französischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern, S. 67–106. Rimbrecht geht auf die Politik der deutschen Besatzer in Frankreich und das Pétain-Regime ein sowie die Platzierung der Franzosen innerhalb der rassistisch bestimmten Hierarchie des NS-Regime. Im Gegensatz zur offiziellen Ideologie hatten viele Zweibrücker, ihre bei ihnen arbeitenden französischen Kriegsgefangenen menschenwürdig behandelt. Die fast 1.900 französischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter stellten in Zweibrücken das größte Kontingent ausländischer Arbeitskräfte in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, gefolgt von 1.100 Russen, 500 Polen, 380 Ukrainern, 110 Niederländern und 40 Belgiern. Maria Rimbrecht befasste sich außerdem mit dem Arbeitskommando 1414, der Herzog-Wolfgang-Stiftung und der Schreinerei Gebr. Häfner, S. 107–118.

In das Kapitel „Holländer, Belgier, Luxemburger“ von Gertrud Schanne-Raab, S. 119–129, ist Barbara Sittingers Analyse des 50 Seiten umfassenden Tagebuches des belgischen Zwangsarbeiters Hugo Resseler (1924–2018) integriert, Resseler war ein guter Chronist. Über das Inferno am 14. März 1945 schrieb er „Ich war kaum unten [im Keller], da brach die Hölle los. Es war, als ob der Keller hin und her schaukelte. Eine Bombe fiel nach der anderen. Es knallte an allen Ecken. Ich hörte die Bomben heulend nach unten sausen, Mauern, die einstürzten, Fenster, die herausflogen, Bäume, die krachten. Als der Kellertreppenschrank auseinanderflog, versteckte ich mich in der hintersten Ecke des Kellers unter ein paar Brettern, aus Angst, etwas auf den Kopf zu bekommen. 20 Minuten lang hatte ich den Eindruck, hin und her geschleudert zu werden. Ich dachte, meine letzte Stunde habe geschlagen“ (S. 127).
Mit italienischen Zivilarbeitern, die nach dem Sturz Mussolinis als Feinde galten, hat sich Gertrud Schanne-Raab befasst. Das NS-Regime schuf die Kategorie „Italienische Militärinternierte (IMI)“, um nicht an die Haager Landkriegsordnung gebunden zu sein.
Helmut Sittinger befasste sich mit Ostarbeitern und polnische Zwangsarbeitern, S. 137–174.
Diese Gruppe wurde in jeder Hinsicht, etwa der Unterbringung, der Kleidung oder der Entlohnung, geringer eingestuft als Menschen westeuropäischer Nationalitäten.
Sittinger möchte den Opfern ein Gesicht geben, indem er ihre Passfotos veröffentlichte. Das Kapitel ist zudem mit etlichen Grafiken angereichert, etwa zu Industriebetrieben mit mindestens 50 Ostarbeitern. Eckart Emrich stellt ein und Barbara Sittinger vier Einzelschicksale vor.
Ingrid Satory und Gertrud Schanne-Raab untersuchen die Lager für Zwangsarbeiter in Zweibrücken, ergänzt durch eine Übersichtskarte zum Ausklappen von Walter Rimbrecht. Für die Unterbringung von Kriegsgefangenen war die deutsche Wehrmacht zuständig. Für zivile Zwangsarbeiter hatte der Arbeitgeber Unterkunft und Verpflegung zu stellen. Große Betriebe wie Lanz und Dingler errichteten eigene Lager. Auf Bauernhöfen wohnten zivile Zwangsarbeiter wie auch Knechte und Mägde auf dem Hof.
Gertrud Schanne-Raab befasste sich mit den Zweibrücker Gefängnissen als Orte der Unterdrückung, S. 195–209, einem Thema, über das Eginhard Scharf bereits 1995 publiziert hatte. Maria Rimbrecht behandelte die Hintergründe der zum 4. März 1943 anberaumten Verhandlung des Volksgerichtshofes im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Zweibrücken gegen neun Jugendliche aus dem Elsass und Lothringen, die im Zug randaliert hatten, der sie zum Einsatzort des Reichsarbeitsdienstes (RAD) bringen sollte. Gauleiter Bürckel stoppte das Verfahren, weil er „keine Märtyrer“ wollte (S. 213). Sie stellt zudem die Aktivitäten und das Schicksal der 1940 in Metz gegründeten Schüler- und Studenten-Widerstandsgruppe L'Espoir Français vor.
Helmut Sittinger befasste sich im Landesarchiv Speyer mit dem Bestand H91 (Gestapo-Akten). Mindestens 15 von 178 Akten zu Zweibrücken als Ort des Geschehens“ befassen sich mit Zwangsarbeitern. Die Delikte wurden häufig als „Arbeitssabotage“ bezeichnet. Verlassen des Arbeitsplatzes war ein Massenphänomen. Auch Kindern gegenüber kannte die NS-Justiz keine Gnade. Ein 14-jähriger Russe wurde wegen vorzeitigen Öffnens des Trockenofens mit Entzug der Zulage für acht Tage bestraft.
Rainer Schanne wertete die 2015 aufgefundenen Krankenbücher der Jahre 1940 bis 1945 des St.-Elisabeth-Krankenhauses aus und seine Frau Gertrud die Sterbebücher der Stadt Zweibrücken. Von den mindestens 5.000 Zweibrücker Zwangsarbeitern fanden 360 den Tod.
Das letzte Kapitel widmet Gertrud Schanne-Raab den Displaced Persons in der Nachkriegszeit, S. 269–285. Darin sind drei zusätzliche Beiträge von Eckart Emrich, Barbara Sittinger und Helmut Sittinger enthalten.
Den Autorinnen und Autoren, die akademisch ausgebildet, aber nicht Geschichte studiert hatten, ist es gelungen, ein verdrängtes Kapitel ihrer Heimatstadt Zweibrücken solide aufzuarbeiten. Sie zollten den Menschen, die in aller Regel schlimme Demütigungen erlitten und damals „für jeden sichtbar (waren) und doch vergessen“ wurden, Respekt und Wertschätzung.
Lediglich Redundanzen, die durch Angaben zum historischen Kontext entstanden, welche sich wiederholt in verschiedenen Kapiteln finden, hätten bei einem Abgleich der Autorenbeiträge behoben werden können.
Auf dem Cover ist das Gemälde „Russische Zwangsarbeiterinnen“, 1944, Stadtmuseum Simeonstift Trier, der aus St. Wendel stammenden Künstlerin Mia Münster (1894–1970) zu sehen.
Die Drucklegung wurde gefördert vom Bezirksverband Pfalz, dem Historischen Verein Zweibrücken e. V. und der Rosenstadt Zweibrücken.
Das Zweibrücker VHS-Projekt sollte anregend sein für weitere pfälzische Kommunen.

Franz Josef Schäfer, Rez. von Gertrud Schanne-Raab und Arbeitskreis »Zwangsarbeit« der VHS Zweibrücken (Hg.), Für jeden sichtbar und doch vergessen. Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Zweibrücken 1940–1945, St. Ingbert 2021, URL: https://www.hist-verein-pfalz.de/de/rezensionen/7/wid,799/rezensionen.html.
Zuerst erschienen in: Pfälzer Heimat 73,1 (2022).

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