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Metzelsupp und Marschgetös

Eine Pfälzer Familiengeschichte 1900-1970
Rezensent(in): Bruckert Harald

Erscheinungsjahr: 2021
Autor(en): Liesigk Wolfgang
Erscheinungsort: Bremen

Jeder, der es unternimmt, eine Biographie zu schreiben, muss sich im Verlauf seiner Beschäftigung mit der zu beschreibenden Person früher oder später darüber klar werden, welche Grundhaltung er gegenüber dem Objekt seiner Forschertätigkeit einnimmt. Wenn es sich gewissermaßen um eine kollektive Biographie der eigenen Familie handelt, stellt sich die Frage noch drängender, denn das eigene Erleben und die damit verbundenen Emotionen vertragen sich schlecht mit der taciteischen Devise einer Geschichtsschreibung sine ira et studio. Dankenswerterweise lässt der Landauer Wolfgang Liesigk, Autor der hier anzuzeigenden Pfälzer Familiengeschichte in der Zeit von 1900 bis 1970, seine Leser in dieser Hinsicht nicht im Unklaren. Insbesondere seinen Töchtern, so beschreibt er seine Motivation ganz am Ende in einer Nachbemerkung, wollte er das unrühmliche Verhalten ihrer Vorfahren vor Augen führen und sie darin bestärken, weiter für eine humane globale Zukunft einzutreten (S. 399).

Weil der Autor ein glänzender Erzähler ist, der die Ereignisse der Familiengeschichte zwanglos und unterhaltsam in größere historische Kontexte einzubetten weiß, bietet das Buch eine kurzweilige und oft amüsante Lektüre. Den Auftakt bildet eine atmosphärisch dichte Beschreibung des Lebens in der teilweise kriegszerstörten Kleinstadt Landau zu Beginn der 1950er Jahre. Das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 erlebte der Achtjährige auf dem Kachelofen im überfüllten Gastraum der Wirtschaft „Deutscher Kaiser“ in der Königstraße mit, wo aller Augen gebannt auf den Monitor eines 36 mal 27 Zentimeter großen Schwarz-Weiß-Fernsehers gerichtet waren. Im Mittelpunkt des folgenden Kapitels stehen Herkunft und Werdegang des Vaters. Der musisch begabte Harry Liesigk, Jahrgang 1912, stammte aus Plauen im Vogtland, trat 1934 in die Reichswehr ein und kam im Oktober 1936 als Angehöriger des Musikkorps des 21. Infanterieregiments zum ersten Mal nach Landau. Hier lernte er die 1922 geborene Metzgerstochter Emma Reiss kennen, deren Eltern Ludwig und Martha aus dem nahen Nußdorf stammten und 1927 in der Landauer Königstraße eine Metzgerei eröffnet hatten. Geheiratet wurde allerdings erst einige Jahre später, im Kriegsjahr 1944.

Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der Zeit des Nationalsozialismus, in der die Landauer Metzgersfamilie auch dank guter Beziehungen zu lokalen „Nazi-Größen“ zu relativem Wohlstand gelangte. Seit 1936 gab es in Landau wieder eine deutsche Garnison, die von Ludwig Reiss mit Fleisch- und Wurstwaren beliefert wurde. Um den Zuschlag zu erhalten, war der Metzgermeister, der bereits seit 1934 SA-Mitglied war, in die NSDAP eingetreten. Auch einige seiner Nußdorfer Verwandten, die ebenfalls Parteigenossen wurden, profitierten vom wirtschaftlichen Aufschwung der 1930er Jahre und gehörten zu den zahlreichen „Mitläufern“ der nationalsozialistischen Diktatur.

Wie dachte man in der Familie über deren gewalttätige Begleiterscheinungen und über die zunehmende Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Mitbürger? Der um Anschaulichkeit bemühte Autor hat, wenn trotz seiner akribischen Recherchen keine Quellen zu finden waren, Episoden und Dialoge „fiktiv ausgeschmückt“ (S. 399), wie er es im Nachwort selbst formuliert. Ein Beispiel ist das im Herbst 1936 angesiedelte Gespräch zwischen Martha Reiss und der Friseuse Irmgard, die der Meisterin, wie im gehobenen Bürgertum üblich, vor Tagesantritt die Haare richtet. Als Irmgard berichtet, sie habe im „Pfälzer Anzeiger“ gelesen, dass ein Mann als „Rassenschänder“ zwei Jahre ins Zuchthaus geschickt worden sei, nur, weil er eine Frau liebe, hält ihr die Metzgersfrau entgegen, die Juden seien schließlich „Volksschädlinge“ (S. 153f.). Als am 9. November 1938 die Landauer Synagoge brennt und am Frühstückstisch über dieses Ereignis gesprochen wird, ist es wiederum die Mutter, die sich besonders radikal zeigt: Während ihr Ehemann betont, trotz der berechtigten Empörung über die „Verbrechen“ der Juden dürfe man keine Gotteshäuser anzünden, das gehe entschieden zu weit, besteht seine Frau darauf, dass es sich um eine gerechte Strafe handele und bemüht sogar Martin Luthers „fundamentalen Groll“ gegen die Juden. Der nationalsozialistische Judenhass, das ist dem Autor in diesem Zusammenhang wichtig, hatte eine lange Vorgeschichte.

Die Schwierigkeit solcher Dialoge liegt darin, dass unklar bleibt, inwieweit die darin zum Ausdruck kommenden Überzeugungen quellenmäßig belegt sind, zumal der Autor selbst mehrfach betont, dass nach 1945 in der Familie nicht über die „braune Vergangenheit“ gesprochen wurde. Im Verlauf der Lektüre drängte sich dem Rezensenten zunehmend der Eindruck auf, dass in den fiktiven Szenen und Dialogen nicht in erster Linie die Sicht der Zeitgenossen, sondern die Perspektive des nachgeborenen Autors gestaltet wird. Wenn beispielsweise Ende März 1945, kurz nach der Besetzung Landaus durch die Amerikaner, die in der Pfalz verbliebenen Familienmitglieder zusammen mit zwei amerikanischen Soldaten am Küchentisch sitzen und die Stimmung unter dem Einfluss von Champagner immer gelöster wird, bis der Sergeant eine Beethoven-Darbietung mit einem Faustschlag auf den Tisch unterbricht, einen Artikel aus der New York Times mit Bildern von KZ-Opfern aus der Tasche zieht und fragt, was denn aus dem Land der Dichter und Denker geworden sei, so wirkt das doch sehr konstruiert. Anders als im Geleitwort von Hans-Dieter Schlimmer angekündigt (S. 7), überlässt der Autor die Schlussfolgerungen auch durchaus nicht den Lesern, sondern gibt eine klare Linie vor. Die Zerstörung der Metzgerei in der Königstraße durch amerikanische Bomben am 16. März 1945 kommentiert er so: Martha kannte nur Zorn, keine Reue, keine Einsicht. Der militärisch unnötige „schwarze Freitag“ Landaus hielt Schlachterfamilie Reiss einen Spiegel vor. Sicher nicht ganz gerecht setzte es die Höchststrafe (sic!) für ihr Handeln: Aufstieg mit den Nazis, wirtschaftlicher Erfolg, Kriegsgewinnler, gesellschaftliche Anerkennung in der Kleinstadt. Immer profitiert, alles geglaubt, toleriert, goutiert. Und den Judenhass gepflegt. Hinter spießigen Masken verbarg sich Wissen, über das freilich später nie geredet wurde (…) Landaus Bürger und meine Familie gaben das perfekte Abbild Nazi-Deutschlands wie eine Blaupause ab (S. 340).

Trotz der angedeuteten Problematik gelingt Liesigk mit der Erzählung seiner Familiengeschichte eine überzeugende Milieustudie, und gerade mit ihren Verstrickungen in der nationalsozialistischen Zeit steht diese Familie exemplarisch für sehr viele andere. Hier ist dem Autor ausdrücklich zuzustimmen. Störend wirkt allerdings gelegentlich eine gewisse Einseitigkeit. Der Begriff „Untertanenstaat“ (S. 6) charakterisiert das Kaiserreich in seiner komplexen Mischung aus Tradition und Moderne nur sehr unvollkommen, und die Befindlichkeit der Landauer in den frühen 1930er Jahren wird besser verständlich, wenn man die gerade zu Ende gegangene Besatzungszeit mit einbezieht, die beispielsweise der Verleger August Kaußler (1853-1935) in seinem umfangreichen Tagebuch anschaulich beschrieben hat. Die Erfahrungen mit den französischen Besatzern erklären bis zu einem gewissen Grad auch die überdurchschnittlichen Wahlergebnisse der NSDAP in Landau (S. 121f.). Mit der neuen „Bewegung“ verband sich für viele die Hoffnung auf einen Wiederaufstieg der durch die Niederlage von 1918 gedemütigten Nation.

Von besonderem Interesse ist das letzte Kapitel, in dem der Autor die Ereignisse des Jahres 1968 auf lokaler Ebene aus eigenem Erleben schildert. Der Aufstand eines Teiles meiner Generation gegen die salopp „Nazi-Eltern“ genannte (S. 393) war für ihn eine Art politisches Erweckungserlebnis; während seines Lehramtsstudiums schloss er sich dem Sozialistischen Hochschulbund SHB in Worms an. Nicht nur in Berlin, auch in Landau gab es ein Grüppchen, das sich „Außerparlamentarische Opposition-APO“ nannte. Die Atmosphäre im Landau der späten 1960er Jahre empfand der Autor als bedrückend; er spricht von einer betulichen Gesellschaft von Muff und Spießigkeit, wo schon die Missachtung der Kleiderordnung oder des Haarstils zu übelster Ausgrenzung führte (S. 393). Im Protest gegen „Obrigkeitsgebaren“, Notstandsgesetze und Vietnamkrieg orientierte man sich zwar an den „Metropolen“, scheiterte jedoch bald an der Kleinstadtwirklichkeit. Nach einer am Ostersamstag 1968 anlässlich des Attentats auf Rudi Dutschke im Landauer Stadtzentrum durchgeführten Sitzblockade, die den Unmut der ihrem Feierabend entgegenstrebenden Marktbeschicker hervorgerufen hatte, resümierte das „Pfälzer Tageblatt“ knapp: Es verlief alles so, wie Revolutionäres in Landau zu verlaufen pflegt. Man merkte nicht viel davon (S. 394). War das revolutionäre Bewusstsein der Landauer zu wenig ausgeprägt oder besaßen sie einen natürlichen Sinn für Maß und Mäßigung? In jedem Fall wird man sich darauf einigen können, dass es Schlimmeres gibt, was einer Stadt passieren kann.

Harald Bruckert, Rez. von Wolfgang Liesigk, Metzelsupp und Marschgetös. Eine Pfälzer Familiengeschichte 1900-1970 (Schriftenreihe Geschichte & Frieden, Band 48), Bremen 2021, URL: https://www.hist-verein-pfalz.de/de/rezensionen/7/wid,796/rezensionen.html.
Zuerst erschienen in: Pfälzer Heimat 73,1 (2022).

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