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Abenteuerliche Studien

Pfälzische Studenten im frühneuzeitlichen Frankreich
Rezensent(in): Vorderstemann Jürgen

Erscheinungsjahr: 2021
Autor(en): Kühlmann Wilhelm
Erscheinungsort: Ubstadt-Weiher

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) oder das Erasmus-Programm der EU vermitteln heute den Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern mit dem Ausland. Doch was modern aussieht, ist durchaus nicht neu, wie die vorliegende Studie zeigt. Denn die akademische Reise war schon im 16. Jahrhundert ein stark ansteigender Brauch, vor allem bei Juristen und Medizinern, und ein Auslandsstudium war „eine karrierefördernde Prestigesache“ (S. 8 und eine Basis für die Etablierung von Gelehrtennetzwerken. Sprachprobleme gab es keine, denn Grundlage der Verständigung war das Lateinische, darüber hinaus erwarb der Student gewöhnlich noch die Sprache des Gastlandes. Kühlmann beschränkt sich in seiner Darstellung auf die Studenten des pfälzischen Raumes, die nach Frankreich zogen, „vor allem nach Paris, Orléans, Bourges und Montpellier“. Er untersucht die Motive und Ziele ihrer Studienreisen (S. 7-26), das reisetheoretische Schrifttum (S. 27-42 und schließlich Selbstzeugnisse und Dichtungen, die vor und nach der Reise entstanden sind (S. 42-99).
 
Reisen war zu dieser Zeit ein gefährliches Unterfangen, besonders in Frankreich, wo zwischen 1562 und 1598 noch die Hugenottenkriege tobten. Neben Reiseunfällen drohten Mord und Totschlag, und
diese wurden nicht immer hinreichend geahndet. Auch pfälzische Studenten waren da Leidtragende.
 
Zur Vorbereitung diente den Studenten eine üppige Reiseratgeber-Literatur (Apodemik), die auch Ziele der Studien benannte: bestimmte Gesichtspunkte wie z. B. Landeskunde, auch Empfehlungen für Besuche bei berühmten und vorbildlichen Persönlichkeiten, deren Einträge in die Stammbücher man später vorzeigen konnte. Die Ratgeber warnen davor, sich von der eigenen Reisegruppe zu trennen und sich auf kostspielige und risikoreiche Umwege einzulassen. Außerdem solle man sich vor Krankheiten und vor fremden, unverträglichen Speisen hüten. Die Führer enthalten auch medizinische Ratschläge und geben Empfehlungen für richtige Reisekleidung.
 
Die akademische Reise fand ihren Niederschlag zumeist nicht in Druckwerken, sondern handschriftlich in den schon erwähnten Stammbüchern, in Briefwechseln, in Verhaltensvorschriften, in Anweisungen, Akten, aber auch in „autobiographisch kolorierten längeren Reisedichtungen (Hodoeporica), die auch in gedruckten Sammlungen verkauft wurden“ (S. 43). Die reisenden Studenten verfassten Geleit- oder Abschiedsgedichte (Poroemptikon oder Apobaterion), Gelegenheitsdichtungen wie  Begrüßungsgedichte, Gratulationen und Trauergedichte, aus denen sich oft die Reiseroute des Verfassers ablesen lässt. Sie werden im umfangreichsten Kapitel auf ihre Texttypologie und ihre kommunikative Funktion hin untersucht (S. 43-99).
 
Diese Besprechung verzichtet bewusst auf  Nennung der detailreichen einzelnen Fallbeispiele pfälzischer Studenten. Mit Hilfe von deren ausführlich dargebotenen Zeugnissen – in lateinischer Sprache und deutscher Übersetzung  – hat uns Kühlmann einen Blick auf „eine sehr spezielle Abteilung der kurpfälzischen bzw. oberrheinischen Literaturgeschichte“ eröffnet, in eine freie und offene europäische Universitätslandschaft mit einem ähnlichen Bildungskanon (S. 98). Welches tiefe Wissen hinter dieser kurzen, aus Vorträgen hervorgegangenen Skizze steht, zeigt das im Verhältnis zum Darstellungsteil sehr umfangreiche Literaturverzeichnis (S. 100-110), an das sich ein Personenregister anschließt (S. 111-112).

Jürgen Vorderstemann, Rez. von Wilhelm Kühlmann, Abenteuerliche Studien. Pfälzische Studenten im frühneuzeitlichen Frankreich (Mannheimer historische Schriften. Kleine Reihe, Bd. 1), Ubstadt-Weiher 2021, URL: https://www.hist-verein-pfalz.de/de/rezensionen/7/wid,789/rezensionen.html.
Zuerst erschienen in: Pfälzer Heimat 73,1 (2022).

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