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Empfindsame Urbanität

Zur kulturellen Polyphonie der „Briefe über Mannheim“ (1791) der Sophie von La Roche
(=Mannheimer historische Schriften. Kleine Reihe, Band 2)
2021
Rezensent(in): Vorderstemann Jürgen

Erscheinungsjahr: 2021
Autor(en): Kühlmann Wilhelm
Erscheinungsort: Ubstadt-Weiher

In dem in den letzten Jahrzehnten recht intensiv untersuchten Werk der Schriftstellerin Sophie von La Roche, die 1780-1786 in Speyer gelebt hat, ist die systematische Auswertung der 1791 erschienenen Briefe über Mannheim bislangnoch „eine wissenschaftliche Leerstelle“ (S. 5), auch wenn sie in Einzelheiten immer wieder als Quelle herangezogen wurden. Entstanden sind sie, als die Autorin schon längst in Offenbach wohnte Sie griff dafür auf ihre Aufzeichnungen der Speyerer Jahre zurück, in denen Mannheim ihr kultureller Bezugsort war, die sie bearbeitet und ergänzt hat.

La Roche hat sich in ihren Veröffentlichungen immer wieder gern der Textsorte Brief bedient – einen theoretischen Überblick über deren Entwicklung und Formen stellt Kühlmann seinen Betrachtungen voran (Kap. I, S. 11-15). Die Briefe über Mannheim, 25 an der Zahl, von denen nur einer datiert ist, nehmen das schonin ihrer Zeitschrift Pomona für Teutschlands Töchter (1783-84) angewandte Verfahren der „Dialogizität“ (S. 17)auf, in dem sie eine fiktive Adressatin und mit dieser die Leser einbezieht. Die Briefe haben keine chronologische Folge. Sie verknüpfen oft assoziativ Berichte über Theater, den Literaturbetrieb, Museen und Sammlungen sowie Begegnungen mit Lektüreerlebnissen und moralischen Erörterungen.Auch wenn Mannheim nach dem Wegzug Karl Theodors nach München kulturell an Glanz verloren hat, findet La Roche in ihren liegen gebliebenen Aufzeichnungen noch genügend Stoff.

Im II. Kapitel (S. 17-47) werden die Entstehungsbedingungen und ihre zeitlichen und werkgeschichtlichen Zusammenhänge dargestellt. Geschäftstüchtig und selbstbewusst knüpft sie im 1. Brief an ihre Rolle als „Pomona“ in ihrer erfolgreichen Zeitschrift Pomona für Teutschlands Töchter (1783-84) an; sie hatte am Ende des letzten Heftes schließlich schon eine Fortsetzung in anderer Form angekündigt. Mit dieser Rolle verknüpft sich weiterhin ihre emanzipatorische Sicht, die ein weibliches Bildungsprogramm formuliert, das männliche Primat aber nie in Frage stellt.

Das umfangreichste III. Kapitel in 5 Abschnitten widmet sich mit der Betrachtung von zehn ausgewählten Briefen La Roches und ihrer sehr persönlichen Sicht auf unterschiedliche Kulturbereiche: Bildende Kunst (S. 49-54), Literatur und Musik (S. 54-62), Theater (S. 62-82) und Mädchenbildung (S. 96-104). Ihre Betrachtungen verknüpft sie mit literarischen Erinnerungen und moralischen Reflexionen, „Wirklichkeitserfahrungen werden durch Literaturerlebnisse mitbestimmt und konditioniert“ (S. 31). Mitteilungen darüber, was sie „heute“ erlebt hat, kann Kühlmann oft konkretisieren und, beispielsweise bei Theateraufführungen, La Roches Verhältnis zu Problemen und Strömungen ihrer Zeit sichtbar machen, wie z. B. zur unstandesgemäßen Heirat oder zur sozialen Bewertung des Schauspielerberufs.
 
Die einzelnen Bereiche entfalten sich in Begegnungen mit einzelnen Mannheimer sie repräsentierenden Mannheimer Persönlichkeiten, wobei die Salonkultur der Zeit eine große Rolle spielt. So kommt sie über ein Bild des Malers Ferdinand Kobell auf Johann Georg Sulzers Theorie der Schönen Künste zu sprechen, in der sie ein ekstatisch formuliertes religiöses Landschaftsempfinden (S. 51) findet. La Roches „gefühlshaft erwünschte Interferenz des Guten und Schönen“ erhebt die Kunst fast in den Bereich einer religiösen Offenbarung (S. 51). Den wichtigen Verleger Christian Friedrich Schwan würdigt sie hauptsächlich in dem, was sie am meisten interessiert, inseiner Rolle als Vater und Erzieher von zwei mutterlosen Töchtern, die er zu Wesen von „weiblichem Charakter“ und weiblichen Tugenden erzieht. Liebenswürdige Frauenzimmer, erklärt sie, sollten den Lebensabend von alternden Gelehrten erheitern und die Sitten der Jüngeren mildern (S. 58). Für sich selber formuliert sie, von ihrer Offenbacher Gegenwart ausgehend, ihre eigenen Lebensmaximen, „offenbar nicht ohne Wahrnehmung oder zumindest Ahnung des kulturellen Epochenwandels – „ein in dieser Art wohl recht seltenes Textgenre“ (S. 59).

In der Betrachtungen des Antikensaals und der Gemäldesammlung zeigt sie nicht von Winkelmanns Graecomanie beeinflusst, ihr geht es mehr um die Gefühle und moralischen Gesinnungen, die die Kunstwerke hervorrufen und die Gedanken, die sie in ihr anregen. Eine gewisse Kenntnis von Winkelmanns Theorien gesteht Kühlmann ihr zu, aber, „wie so oft bei La Roche, unpräzise“ (S. 94). Erziehungsfragen bestimmen auch wieder ihren Besuch mit einer Enkelin, Tochter ihres Sohnes Fritz, wohl 1789 von Offenbach aus, in Frankenthal beim Philanthropin (Mädcheninternat) der Madame Bertrand. In La Roches Darstellung des Schul-Leitbildes sieht Kühlmann einen „unverkennbaren Dokumentationswert für die Schulgeschichte“ (S. 97).

Die Briefe über Mannheim zeigen die Autorin, wie auch in anderen Werken, als widersprüchlich in ihrer Empfindsamkeit und praktischen Orientierung, in Betonung einer fortschrittlicheren weiblichen Rolle unter der Respektierung männlicher Dominanz. Eigene Erfahrung mischt sich mit angelesenem „nützlichem“ Wissen, das sie für ihr Publikum in pädagogischer Absicht filtert.

Dem Buch ist eine aufschlussreiche zeitgenössische Rezension beigefügt (S. 105-107). Sie stellt zurecht fest, dass Nachrichten über die Stadt selbst kaum eine Rolle spielen, sondern dass die „localen Merkwürdigkeiten“ nur Anlass zu moralischen Beobachtungen geben. Trotzdem ergibt sich ein Bild „kultureller Polyphonie“ der Stadt Mannheim, erlebt durch die Brille einer empfindsamen, nicht immer systematischen Schriftstellerin mit vielen Verbindungen zu wichtigen Persönlichkeiten ihrer Epoche. Eine ausführliche Literaturliste und ein Personenregister beschließen die Abhandlung.

Jürgen Vorderstemann, Rez. von Wilhelm Kühlmann, Empfindsame Urbanität. Zur kulturellen Polyphonie der „Briefe über Mannheim“ (1791) der Sophie von La Roche (Mannheimer historische Schriften. Kleine Reihe, Band 2), Ubstadt-Weiher 2021, URL: https://www.hist-verein-pfalz.de/de/rezensionen/7/wid,788/rezensionen.html.
Zuerst erschienen in: Pfälzer Heimat 73,1 (2022).

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