Rezensionen

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„Quelque chose d’assez mystérieux“:

Die gescheiterte Universitätsgründung in Trier 1945 – 1948. Motive, Planungen, Reaktionen.
Rezensent(in): Nipperdey Justus

Erscheinungsjahr: 2020
Autor(en): Laux Stephan
Erscheinungsort: Trier

Trier hat eine alte und eine junge Universitätstradition, die eine setzte 1473 ein und endete durch Aufhebung der Universität 1798, die neue begann vor nunmehr fünfzig Jahren mit der Gründung der damaligen Universität Trier-Kaiserslautern im Jahr 1970. Dieses Jubiläum war auch ein Anlaß für das vorliegende Buch des Trierer Landeshistorikers Stephan Laux, das aber eine wenig beachtete Episode aus der universitätslosen Zeit zum Thema hat: Die Bemühungen um eine Universitätsgründung in Trier in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Vor dem um 1960 einsetzenden Gründungsboom waren neue Universitäten in Deutschland selten; die zuständigen Länder finanzierten den Ausbau der bestehenden, hatten aber kein Interesse an neuen Institutionen. Nur die Großstädte Hamburg, Frankfurt und Köln waren im frühen XX. Jahrhundert willens und in der Lage, eine Neugründung auf die Beine zu stellen. Eine Ausnahme bildete die Nachkriegszeit in Südwestdeutschland mit den Gründungen der Universität Mainz, der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer und der Universität des Saarlandes. Alle drei erfolgten unter französischen Auspizien, die ersten beiden in der französischen Besatzungszone, die dritte im ausgegliederten und später autonomen Saarstaat. Sie waren Ausdruck eines spezifisch französischen Verständnisses von Kulturpolitik und Reeducation, insbesondere einem starken Mißtrauen gegenüber den deutschen Universitäten in ihrer bisherigen Form. Doch sie folgten auch pragmatischen Überlegungen. Der nördliche Teil der französischen Besatzungszone – also das heutige Land Rheinland-Pfalz –, sowie das abgetrennte Saarland waren nun durch Zonengrenzen von ihren bisherigen Stammuniversitäten, vor allem Heidelberg und Bonn, getrennt. Das machte augenfällig, daß es sich um bislang universitätslose Räume handelte, die eigener ausbildender und identitätsstiftender Hochschulen bedurften. Hier kommt auch Trier ins Spiel, das sich als logischer und historisch legitimierter Universitätsstandort positionierte und jahrelang teils mit, teils gegen die französische Verwaltung um eine Neubegründung bemühte.
Stephan Laux präsentiert diese Geschichte in sieben Kapiteln, angefangen bei einer Bestandsaufnahme der deutschen Universitäten nach 1945, der Stadt Trier und ihrer Universitätsgeschichte sowie der Organisation und ideellen Ausrichtung der französischen Besatzungsverwaltung. Darauf folgt die eigentliche Fallstudie, die die Trierer Akteure und Argumente, die konkreten Planungsentwürfe und Strukturentscheidungen sowie sogar das angedachte Personal behandelt. Schließlich folgt ein Kapitel über die französische Sicht auf das Trierer Projekt, die zwischen grundsätzlicher Zustimmung und zunehmender Irritation über Eigenmächtigkeiten oszillierte. Den Schluß bilden Überlegungen über die Gründe des Scheiterns. Die Quellenlage ist eher mäßig, was einerseits an der Vielfalt und dem Wandel der oft konkurrierenden Verwaltungsstrukturen der ersten Nachkriegsjahre liegt, andererseits aber bereits ein Fingerzeig auf die Probleme des Trierer Projekts ist: Bei den zentralen staatlichen Stellen und selbst in der städtischen Überlieferung ist wenig zu finden, weil diese kaum in die Planungen eingebunden waren. Es ist geradezu symptomatisch, daß Laux manch wichtige Stücke einzig in dem in Privatbesitz befindlichen Nachlaß von Aloys Fery gefunden hat, bei dem als Koordinator des Gründungskuratoriums alle organisatorischen Fäden zusammenliefen. Die Rekonstruktion der Planungs- und Verwaltungsvorgänge ist daher teilweise etwas bruchstückhaft, was aber durchaus der Realität entspricht, zeigten sich doch auch die Franzosen zuweilen überrascht davon, was in Trier auf wessen Veranlassung hin geschah.
Betrachtet man das Geschehen im Ganzen, lassen sich zwei Komplexe unterscheiden: Die institutionelle Planungsebene und die weltanschauliche Rechtfertigung des Projekts. Zu ersterem sind die Quellen, wie gesagt, nicht gerade üppig. Laux kann aber nachvollziehen, daß sich die Gründungskommission die Universität mit einem klassischen Fächerkanon vorstellte, sogar mit rudimentären Planungen zur kostspieligen Medizin; wie um Räumlichkeiten gerungen wurde und wer sich selbständig oder auf Aufforderung um Professuren bewarb. Die Planer versuchten offenbar einen Druck des Faktischen aufzubauen, wenn etwa die Gründung in der Presse angekündigt wurde oder informelle Verhandlungen mit zukünftigen Professoren geführt wurden. Diese Strategie ging jedoch nach hinten los, da der institutionelle Rückhalt und die Vernetzung mit den entscheidenden Stellen fehlten, die dann verärgert auf solches Vorpreschen reagierten. Auch in Trier selbst fiel die Unterstützung schwächer aus, als man erwarten könnte: Während die Stadt andere Prioritäten setzte, zeigte die Kirche sich nicht zu den nötigen Kompromissen bereit. All diese Elemente spielten beim Scheitern eine Rolle – wobei zugleich unsicher ist, ob Trier angesichts der begrenzten Ressourcen und der baldigen Festlegung der Franzosen auf Mainz überhaupt eine Chance gehabt hätte. Laux macht aber auch deutlich, daß Trier mögliche Chancen nicht genutzt hat. Indem es sich als Konkurrenz und nicht komplementär zu Mainz präsentierte, konstruierte es einen Zweikampf mit der neuen Landeshauptstadt, in dem es unterliegen mußte. Den Kontakt zur französischen Kulturverwaltung ließ man schleifen, was nicht nur administrativ zu einem bösen Erwachen führte, sondern auch bedingte, daß sich die Trierer Planer praktisch überhaupt nicht auf die hochschulpolitischen Vorstellungen der Franzosen einließen.
Diese Überlegung führt direkt zum zweiten Komplex, der Idee oder Ideologie der geplanten Trierer Universität. Schon zu preußischer Zeit war die Idee einer katholischen Universität in Trier aufgekommen; daran konnte man nun implizit anknüpfen und zugleich Trier als Opfer Preußens darstellen. Das Universitätsprojekt nutzte insofern den Preußenhaß, den Laux als „kulturellen Code“ den neuen Landes Rheinland-Pfalz identifiziert. Herrschte in dieser Frage und der Betonung des deutschen Föderalismus völlige Übereinstimmung mit den Franzosen, sah dies beim Geschichtsbild und der Rolle der Religion anders aus. Wenn die Trierer etwa die Anbindung an das Römische und das Alte Reich betonten, um die zentralörtliche Funktion Triers zu belegen, ging damit eine Romantisierung der älteren Geschichte einher. Diese Teile sind die stärksten des Buches. Als Experte für das Alte Reich und die Geschichte landeshistorischer Forschung im XX. Jahrhundert gelingt Laux die Einordnung der Trierer Vorstellungen in einen größeren Zusammenhang, wobei er nicht an Kritik an damaligen Lebenslügen und deren Tradierung in der Stadtgeschichte spart. Für den Fall der Universitätsgründung ist ein anderer Aspekt zentral: Die rückwärtsgewandte Rechtfertigung der Notwendigkeit der Trierer Universität fand wenig Widerhall bei den französischen Kulturpolitikern, was ihre Erfolgschancen unterhöhlte. Bei der schlußendlichen Neugründung von 1970 spielten die Konzepte aus den 1940er Jahre dann auch keinerlei Rolle mehr, diese Vorgeschichte der Universität wurde damals nicht einmal erwähnt.
Diese Episode der Vergessenheit entrissen zu haben und sie objektiv und quellengestützt aufgearbeitet zu haben, ist das Verdienst von Laux’ Buch. Zugleich leistet er einen wichtigen Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der direkten Nachkriegszeit in Trier und in Rheinland-Pfalz. Wegen der Integration von Politik-, Verwaltungs-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte ist das Buch nicht zuletzt eine Fundgrube für Forschungsdesiderata der Trierer Stadtgeschichte des XX. Jahrhunderts.
 

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