Rezensent(in): Müller Wolfgang
Erscheinungsjahr: 2018
Autor(en): Rasche Anja
Anzuzeigen ist ein informativer Sammelband, der zehn Beiträge, überwiegend Vorträge vor der Bezirksgruppe Speyer, zur Stadtgeschichte enthält, wobei sich der Bogen von der Salierzeit bis zur zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts spannt. Am Beispiel der Kaiserinnen Gisela (989/990-1043), Agnes (1020/1030-1077) und Mathilde von England (1102-1167) verdeutlicht Amalie Fössel deren „zentrale Rolle in der Reichspolitik und in der auf Kommunikation und Interaktion basierenden Herrschaftsordnung, in der sie durch häufige Interventionen und Fürsprachen einen einflussreichen und bedeutenden Platz einnahmen. Sie waren wichtig geworden als ausgleichende und vermittelnde Kraft, aber auch als Herrschaftsträgerinnen, die jederzeit verschiedene königliche Hoheitsrechte ausüben und anstelle des Herrschers und im Konsens mit ihm handeln konnten.“ (S.12-13) Gerhard Fouquet wendet sich vergleichend der Entwicklung der beiden Bischofs- und Königsstädte Speyer und Lübeck zu und zeichnet zunächst den Aufstieg Speyers von der Salierzeit und dem 1111 von Heinrich V. verliehenen Privileg zur „Boom-town“ der Stauferzeit (S.25) und dem Stadtrecht von 1230 nach. Eine wichtige Rolle als „Stauferstadt im Norden des Reiches“ (S.32) spielte das unter Graf Adolf II. von Holstein 1143 neu gegründete, zur Stadt erhobene und 1226 von Friedrich II. mit dem „Reichsfreiheitsprivileg“ ausgestattete Lübeck, das als zentrale Handelsdrehscheibe Ende des 13. Jahrhunderts rund 15.000 Einwohner zählte. Abschließend analysiert der Autor auch kontrastierend die Genese der kommunalen Führungsschicht in beiden Städten, die sich übrigens 1254 – in der Zeit des Interregnums – dem Rheinischen Städtebund anschlossen.
Ungeachtet einer schwierigen Überlieferung beleuchtet Jörg R. Müller die Reorganisation und Wiederansiedlung jüdischer Gemeinden im Westen des Reiches nach der Pestverfolgung zwischen 1350 und 1380 und diskutiert die Frage, „ob die überlebenden Juden der Pestpogrome im regnum Teutonicum nur fremdbestimmte Objekte des Handelns christlicher Herrschaftsträger waren, oder ob sich ihnen in dieser Zeit weiterhin anhaltender Bedrohung Freiräume zur Selbstgestaltung ihres Lebens boten.“ (S.56) Dabei richtet sich der Blick insbesondere auf die rheinischen Städte, und es wird beispielsweise auf die ökonomisch-fiskalischen Motive der – in Speyer übrigens bereits 1352 erfolgenden – Wiederansiedlung verwiesen und den „starken Kontinuitätsfaktor“, der den auf die urbanen Zentren konzentrierten Friedhöfen „in der jüdischen Raumgestaltung“ (S. 63) zukommt. Unter der Voraussetzung einer gewissen „finanziellen Unabhängigkeit“ besaßen „die überlebenden Juden …. innerhalb gewisser Grenzen…. Handlungsspielräume hinsichtlich ihrer Lebensgestaltung…. Erst mit der Verdichtung des jüdischen Siedlungsnetzes in den 1370er Jahren und der stagnierenden Nachfrage nach jüdischen Kreditgebern lässt sich allgemein eine Verschlechterung jüdischer Lebensbedingungen konstatieren.“ (S.74)
Zu seinem 500. Todestag porträtiert Lenelotte Möller den um 1443 in Michelstadt geborenen Rechenkünstler und Büchersammler Nicolaus Matz, der nach Studien in Wien nach der dortigen Universitätsgründung in das seinerzeit vorderösterreichische Freiburg wechselte und unter anderem als Dekan der Philosophischen Fakultät, „erster Bibliothekar der Artistenfakultät“ (S. 89) und 1475 als Rektor der Universität agierte und seine Laufbahn als Sexpräbendar des Domstifts in Speyer beendete, wo er am 23. November 1513 verstarb. Seiner Heimatstadt Michelstadt stiftete er eine noch heute existierende Bibliothek, die 117 Werke – unter anderem Predigtbücher sowie Unterrichtswerke für Latein und Rechnen – umfasst. Am Beispiel des Konflikts um die seit einer handstreichartigen Übernahme am 11. /12. Juni 1569 als lutherische Stadtkirche dienende ehemalige Dominikanerkirche untersucht Daniela Blum die auch durch die wechselvolle kurpfälzische Religionspolitik beeinflusste komplexe konfessionelle Koexistenz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in der „eine Pluralität der religiösen Überzeugungen und [des] gelebten Christentums“ (S.107) aufweisenden Reichsstadt. Anhand umfangreicher Archivrecherchen und detaillierter Einzelfall-Analysen einschließlich der Prozessgegenstände dokumentiert der Wismarer Stadtarchivar Nils Jörn die positiven Auswirkungen der Rechtsprechung des von 1527 bis 1869 in Speyer angesiedelten Reichskammergerichts auf den norddeutschen Raum, wo es früh „das Nebeneinander zwischen territorialem Rechtszug und „hansischer“ Rechtsprechung“ gab (S. 129).sich das Reichskammergericht bald nach seiner Gründung „sehr rasch…einer großen Beliebtheit“ erfreute (S.132) und „die Vereinheitlichung der Rechtsprechung im Alten Reich“ (S.133) vorantrieb. In seinem Ausblick vermerkt der Autor aber auch noch bestehende gravierende biographisch-prosopographische Forschungsdefizite; denn über „die große Masse der Speyerer Richter ist doch noch viel zu wenig bekannt“. (S.138) Uta Lerche stellt mit pfalz-bayerischen Generälen im Umbruch vom Ancien Régime zur Moderne eine auch archivalisch lückenhaft dokumentierte „vergessene militärische Elite“ vor. (S. 143) So gab es 71 Generäle, die 1778 aus der pfälzischen Armee kamen und bis 1815 zum pfalz-bayerischen General aufstiegen. Nicht zuletzt wegen des militärischen Desinteresses des ansonsten durch Despotismus, Nepotismus, reaktionäre Religionspolitik und Mätressenwirtschaft glänzenden Kurfürsten Karl Theodor konnte beispielsweise seine durch zahlreiche Versäumnisse beeinträchtigte Armee mit „vielen alten, gebrechlichen und desinteressierten Generälen“ (S.168) die Besetzung der Pfalz nach dem Ausbruch der Revolutionskriege nicht verhindern. Erst die auch das Militärwesen einschließenden Reformen Max Josephs und Montgelas´ verbesserten allmählich die Situation und veränderten langsam die Struktur der Generalität, auch wenn die Aufrüstung infolge der erzwungenen Beteiligung Bayerns an den napoleonischen Eroberungszügen den Staat „fast an den Rand des finanziellen Ruins“ (S.152) brachte und 35.000 Soldaten und Offiziere nicht mehr vom Russlandfeldzug heimkehrten. Abschließend zeichnet die Autorin beispielhaft die militärischen Karrieren der folgenden Generäle nach, des 1743 in Mannheim geborenen und als Kommandeur des I. Bayerischen Armeekorps im Russlandfeldzug gefallenen Bernhard Erasmus Graf von Deroy, des ebenfalls im August 1812 in Russland gefallenen, 1751 als Sohn eines reformierten Kirchenrats in Iggelheim geborenen Justus Heinrich von Siebein, des Sohns des kurpfälzischen Staatsministers Karl August Graf von Beckers zu Westerstetten (1770-1832), des illegitimen, dank väterlicher Protektion mit 26 Jahren zum Generalmajor beförderten Sohns Karl Theodors und seiner Lieblingsmätresse Karl August Fürst von Bretzenheim (1769-1823) sowie von Jobst Ernst Graf von Schwicheldt (1743-1800).
Als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Mitglied der großen Sachverständigen-Kommission bei der Restaurierung des Speyerer Doms zwischen 1957 und 1961 erinnert sich Franz L. Pelgen an die Ablösung der Schraudolph-Fresken und die statischen Sicherungsarbeiten im Dom, wobei „die vollständige Entfernung der Ausmalung aus dem 19. Jahrhundert im Ostteil des Doms“ dem „Diktat der Besorgnis erregenden Baubefunde und der erforderlichen statischen Sicherung der Bausubstanz“ (S.178) folgte. Ohnehin gehörte „die Ausmalung zu den schlimmsten Schicksalsschlägen, die den Dom getroffen haben. Sie fügten ihm großen Schaden zu und verfälschte sein Aussehen im Innern vollkommen.“ (S.183). Während Fritz Schumann und Erika Maul alte Rebsorten am Rhein vom Blauen Spätburgunder, dem Ruländer, Grünen Silvaner und Blauen Portugieser zu den neuen Rebsorten aus Amerika vorstellen, beschließt den Band eine von Marc Vidmayer erstellte Aufzeichnung der Erinnerungen der 1923 in Speyer geborenen Irma Groß über ihre Tätigkeit bei verschiedenen französischen Dienststellen nach dem Zweiten Weltkrieg, wo sie unter anderem die Rückführung der Fremdarbeiter, die Bestattung in der Pfalz gefallener Soldaten, die Heimkehr französischer Soldaten und ihrer deutschen Freundinnen oder die Verteilung von Kohle und Holz administrativ zu begleiten hatte.
Wolfgang Müller, Rez. von: Von der mittelalterlichen „Kuhstadt Speyer“ bis zur Domrestaurierung 1957/1961 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Speyer und ihrer Umgebung Band 1, Historischer Verein der Pfalz e.V. Bezirksgruppe Speyer). Herausgegeben von Armin Schlechter, Joachim Kemper und Anja Rasche, verlag regionalkultur Ubstadt-Weiher 2018, 240 Seiten mit 38 zum Teil farbigen Abbildungen. ISBN 978-3-89735-794-5, 22,80 €.