Rezensent(in): Müller Wolfgang
Erscheinungsjahr: 2014
Autor(en): Furtwängler Martin, Geiß Anton
Anton Geiß (1858-1944) ist als Ministerpräsident der Provisorischen Regierung 1919 und erster Staatspräsident in der Geschichte Badens verzeichnet. Während eine wissenschaftliche Biographie weiterhin Desiderat bleibt, ist hier die von Martin Furtwängler sorgfältig bearbeitete Edition seiner handschriftlich verfassten, allerdings nicht für die Öffentlichkeit, sondern lediglich für die Familie und die Nachkommen bestimmten, 1924 abgeschlossenen Autobiographie anzuzeigen, die mit dem Nachlass aus Privatbesitz in das Generallandesarchiv Karlsruhe übernommen wurde. Die ohne Tagebuch und nur aus der Erinnerung erstellten Aufzeichnungen bieten gleichwohl ein durchaus authentisches Panorama und stellen „ein beeindruckendes Selbstzeugnis eines bescheidenden, aber in seiner Wirkung wohl sehr einnehmenden Menschen“ dar, „der in einer wichtigen Phase der deutschen Geschichte große politische Verantwortung in Baden trug“. (XXIII).
Am 11. August 1858 in Rettenbach im Allgäu als Kind von Bauern geboren, erlebte Anton Geiß „recht freudlose“(S.3) Kinderjahre, wurde als Hirtenkind zu einem Bauern zum Viehhüten geschickt und absolvierte seit 1871 eine Schreinerlehre und Gesellenzeit, kehrte aber wegen der Krankheit seiner Mutter in die häusliche Landwirtschaft zurück. Die Wanderzeit führte ihn dann an den Bodensee, die Schweiz und in die Metropole des neuen Reichslandes Straßburg: „Es war mir ein Bedürfnis, das Straßburger Münster zu sehen, von dem ich schon als Kind von einem alten Veteran[en] aus dem Jahr 1813, welcher unter Napoleon I. kämpfte, so viel erzählen hörte. Ich hatte richtiges Verlangen, das Land zu sehen und kennen zu lernen, wo unsere tapferen Soldaten 1870-71 in heißen Schlachten gestanden sind und … wo in schweren Kämpfen die Fundamente zum neuen Deutschen Reich gelegt wurden.“ (S.11) Über Baden kam er Mitte der 1880er Jahre nach Ludwigshafen und Mannheim, wo er als Schreiner und Gastwirt tätig war, im September 1886 seine aus der Pfalz stammende Frau Karoline heiratete, sich bereits in der Zeit des „Sozialistengesetzes“ für die Sozialdemokratie engagierte und sich nach 1890 beim Vertrieb politscher Zeitungen und als Agitator in Vorträgen „mit den aktuellen Fragen der modernen Zeit“ (S.25) beschäftigte, jedoch gegenüber Parteiposten skeptisch blieb. Denn er wolIte „nicht Knecht der Knechte sein. Es lag mir klar vor Augen, daß eine Stellung in der Partei, wo ein jeder glaubte, mitreden zu dürfen und Kritik zu üben, für einen freiheitlich gesinnten Mann kein Leckerbissen sei.“ (S. 26) In Mannheim gehörte er seit 1893 dem Bürgerausschuss und seit 1896 dem Stadtrat an, wurde im November 1895 gemeinsam mit August Dreesbach in den badischen Landtag gewählt und stand seit 1897 an der Spitze der lokalen Parteiorganisation, wobei innerparteiliche Querelen und „Verdrießlichkeiten“ (S.17) bis 1909 zu einem zeitweiligen Rückzug aus der Politik führten. Seit 1905 verfolgte die SPD gegen das Zentrum im badischen „Großblock“ gemeinsam mit den National- und Linksliberalen eine übrigens von der Gesamtpartei bekämpfte Politik, die ihr aber die Chance zur politischen Mitwirkung ermöglichte und 1909 Anton Geiß den Weg zum ersten und 1917 zum zweiten Vizepräsidenten des Landtages eröffnete. Ausführlich widmet er den vierten Abschnitt seiner politischen Laufbahn und erwähnt auch sein distanziertes Verhältnis zum badischen Großherzog. So lehnte er 1917 zweimal entschieden die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes ab, da es „einem Sozialdemokraten nicht anstehe, sich vom Landesfürsten dekorieren zu lassen, dafür daß in den Ämtern seiner Tätigkeit es eine Selbstverständlichkeit sei, seine Pflicht zu erfüllen“. (S.38) Die überraschende Verleihung des Ritterkreuzes I. Klasse vom Zähringer Löwen anlässlich des 100. Geburtstags der badischen Verfassung konnte er im August 1918 nicht verweigern, zumal er den Großherzog am Eingang des Landtages zu empfangen und in den Landtag einzuführen hatte, wobei ihm diese „Dienste … als Sozialdemokrat kein besonderes Vergnügen bereiteten.“ (S.40) Beim folgenden Empfang im Schloss informierte Geiß den Großherzog über die angespannte innenpolitische Lage angesichts des fortdauernden Krieges und die ernste und gereizte Stimmung der Bevölkerung. „Das Volk in seiner großen Mehrheit verlange den Frieden unter allen Umständen und lasse sich auf die Dauer mit schönen Worten nicht mehr beruhigen. Das Volk wolle Taten sehen. Falls der Frieden nicht bald zu erreichen sei, wären Unruhen die unausweichliche Folge.“ (S. 41) Kaum drei Monate später vollzogen sich vom 7. bis 11. November 1918 der politische Umbruch, das Ende des Kaiserreichs und der Waffenstillstand von Compiègne. Am 10. November wurde Geiß zum Präsidenten der vorläufigen Volksregierung ernannt, und er schildert wie im Zeitraffer die Ereignisse: die schwierigen Verhandlungen mit den Soldatenräten, das große „Mißtrauen dieser neuen Republikaner in die republikanische Regierung“ (S.53), den Verzicht des Großherzogs auf die Regierungsgeschäfte und seine verspätete Abdankung am 12. November, die Wahl zur Verfassungsgebenden badischen Nationalversammlung am 5. und ihre Eröffnung am 15. Januar, die „Volksplage“(S.65) der Volkswehren insbesondere in Mannheim und Karlsruhe, das Zwischenspiel der Räterepublik und die Belagerung des Innenministeriums um den 22. Februar und schließlich die Verabschiedung der badischen Verfassung am 23. März 1919. „Es war oftmals trostlos zu sehen, wie sich alles überstürzte und überholte“, (S.62) erinnert sich Geiß an diese bewegte Zeit und sah sich auch selbst in einer schwierigen Position als am 2. April 1919 neugewählter badischer Staatspräsident: „Die Enttäuschungen, die man erlebt, wenn man sich inmitten der verantwortungsvollsten Posten begibt, sind nicht vorauszusehen, und der beste und ehrlichste Politiker ist nicht im Stande, die von ihm ins Auge gefaßten Gesichtspunkte zur Durchführung zu bringen, weil ihm die verschiedensten Hindernisse in den Weg treten. Die eigenen Parteifreunde und Parteizugehörige werden oft, ohne daß sie es selbst wollen, die schlimmsten Opponenten, weil sich dieselben meistens nur von Parteigrundsätzen leiten lassen und die praktischen und zeitlich notwendigen Erwägungen nicht anerkennen wollen. Ein sozialdemokratischer Staatspräsident kann in einer Koalitionsregierung unmöglich eine rein sozialistische Politik treiben, sondern ist gezwungen, auf die Umstände und Verhältnisse der Zeit Rücksicht zu nehmen.“ (S.77/78) Geiß agierte nicht nur als per Akklamation einstimmig bei Enthaltung der DNVP gewählter Staatspräsident, sondern auch als Minister für „militärische Angelegenheiten“ und berichtet von der Gründung der Einwohnerwehren und der denkwürdigen Weimarer Sitzung mit den anderen Ländern am 19. Juni 1919 über die Annahme der Versailler Friedensbedingungen. Dabei stimmte Geiß für Baden gemeinsam mit Württemberg und Bayern mit „Ja“. Denn „die Besetzung der Pfalz, des Rheingaues und für Baden des Hanauerlandes mit Kehl durch die Truppen der Entente gab uns, die wir mit „Ja“ stimmten, einen Vorgeschmack dafür , wie es uns ergehen würde, falls der Vertrag abgelehnt und die Truppen der Entente über den Rhein marschieren würden.“ (S.90) Ferner erinnert Geiß an die Besuch des Reichswehrministers Noske und des Reichspräsidenten Ebert, seine Amtsbereisungen, die Reorganisation des Militärwesens nach den Versailler Bestimmungen, die militärischen Inspektionen, die Rückkehr der Kriegsgefangenen, die Belastungen durch die von „schikanöser Behandlung der Bevölkerung“ (S.98) geprägte französische Besetzung des Hanauerlandes um Kehl und das brüske Verhalten des französischen Kommandanten gegenüber der von Geiß angeführten Regierungsdelegation. „Wir entfernten uns mit innerem Groll, in dem Bewußtsein, in unserem Leben niemals so schmählich behandelt worden zu seien als wie von diesem hageren, abgelebten, sandgelben Franzosengeneral.“ (S.100). Beim Kapp-Putsch versicherte sich der Staatspräsident der Loyalität der badischen Truppen und lehnte eine telegrafische Einladung der Putschisten nach Berlin mit den Worten ab: „Badische Regierung hat bei Ihnen nichts zu tun, verbitten uns diese Einladung. Geiß Staatpräsident.“ (S. 108) Die „Überführung der badischen Truppenteile in die Reichswehr“ (S.112) und die Auflösung seines Ministeriums ermöglichten Geiß, der ohnehin seine Ämter nur befristet ausüben wollte, letztendlich den Rückzug auch aus dem Amt des Staatspräsidenten am 4. August 1920. Den Schlusspunkt der Erinnerungen bildeten die publizistischen Auseinandersetzungen zwischen den zwei sozialdemokratischen Zeitungen in Mannheim und Karlsruhe, die sich kontrovers mit dem Geißschen Ruhegehalt beschäftigten und ihn zutiefst persönlich kränkten.
Insgesamt eine beachtenswerte Autobiographie eines aufrechten, nicht allein auf die Interessen der eigenen Partei und das Verharren in Ämtern fixierten Demokraten, der dem Leser einen interessanten Blick auf das Kaiserreich und den Beginn der Weimarer Demokratie vor allem in der Region Ludwigshafen – Mannheim – Karlsruhe bietet.
Wolfgang Müller, Rez. von: Die Lebenserinnerungen des ersten badischen Staatspräsidenten Anton Geiß (1858 - 1944). Bearbeitet von Martin Furtwängler. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2014. XXVII, 131 S. : Ill. (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg Reihe A, Quellen Band 58) ISBN 978-3-17-026353-6, 18 €